fliehende Tiere - Aktivierung des Sympatikus - Fluchtreaktion #Trauma

Erkenntnisse aus der Trauma-Arbeit für die Eutonie

Warum Entspannung für manche Menschen schwierig ist –
und wie Eutonie unterstützend wirken kann

Erkenntnisse aus der Trauma-Arbeit für die Eutonie

 

Wie andere Eutonie-Kolleginnen[1] auch, beschäftige ich mich in den letzten Jahren immer wieder mit Erkenntnissen aus der Trauma-Forschung und der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Seit letztem Jahr nehme ich bei Dami Charf (traumaheilung.de) an einer Fortbildung in Somatisch Emotionaler Integration SEI®, bindungs- und körperorientierter Psychotherapie teil. Nicht, weil ich traumatherapeutisch arbeiten möchte, aber um zu verstehen, was manchen Teilnehmenden oder Klient:innen während der Eutonie-Stunde widerfährt und um sie angemessen begleiten zu können.

Da gibt es zum Beispiel Menschen, mit einer hohen Körperspannung und einem Nervensystem, das sich in einem hohen Erregungszustand befindet. Sie berichten häufig davon, dass es ihnen schwerfällt, sich zu entspannen und dabei zu erholen. Wenn Sie dann auf der Matte liegen, kann es sein, dass sie ziemlich schnell erschlaffen und geistig und körperlich wegtreten. Auf eine Übererregung folgt ein Zusammenbruch der Spannung. Manche berichten dies auch aus ihrem Alltag: Sie sind sehr aktiv im beruflichen Kontext, halten einen hohen Tonus und wenn sie dann zu Hause sind, „kollabieren“ sie auf dem Sofa und sind zu nichts mehr fähig und nur noch erschöpft.

Welche Hintergründe können uns helfen, dies zu verstehen und zu erklären?

Durch Zufall bin ich vor einiger Zeit bei YouTube auf ein Video von Dami Charf[2] gestoßen, in dem sie auf dieses Phänomen eingeht und es aus trauma-therapeutischer Sicht deutet. Um zu verstehen, was passiert, ist es wichtig, sich mit ein paar Grundbegriffen zu beschäftigen.

Das Toleranzfenster (Window of Toleranz)

Die Schwingung unseres Vegetativen Nervensystems, von Sympathikus (Erregung, Anspannung) und Parasympathikus (Beruhigung, Entspannung) findet in einem individuell festgelegten Rahmen, dem Toleranzfenster (Window of Toleranz) statt.  Dieses „Fenster“ bildet sich vor allem in den ersten Lebensmonaten aus und kann – geprägt von den Erfahrungen, die ein Säugling mit seinen Bezugspersonen macht – enger oder weiter angelegt sein.

Für unser Wohlbefinden ist es von Bedeutung, dass wir positive und negative Emotionen, die auf uns einstürmen, bewältigen können. Mit einem ausreichend weiten Toleranzfenster können wir uns flexibel und eutonisch auf die Erfordernisse unseres Lebens einstellen und von der Anspannung in die Entspannung wechseln und umgekehrt. In der Eutonie sprechen wir dann von der Fähigkeit zur Tonusregulation, zur Tonusadaption. Allgemeiner können wir diese Fähigkeit als „Selbstregulation“ bezeichnen.

Window of Toleranz - Sympathikus und Parasympatikus

„Window of Tolerance“: Aktivierungskurve im regulierten, adaptiven Nervensystem. Innerhalb des Toleranzfensters werden die Aktivitäten von Sympathikus und Parasympathikus als angenehm und stimmig empfunden.

Entspannung bedeutet in diesem Kontext, dass das Nervensystem parasympathisch „runtergefahren“ werden kann, ohne aus dem „Toleranzfenster“ zu fallen. Diese Entspannung wird als erholsam erlebt.

Aber es gibt in unserem Leben auch Ereignisse, in denen unser Nervensystem das „Toleranzfenster“ verlässt. Durch ein plötzliches, überwältigendes traumatisches Erlebnis, wie z.B. einen Unfall, schnellt die Amplitude des sympathischen Nervensystems über unseren Wohlfühlbereich (unser Toleranzfenster) hinaus und gerät in einen Raum von Übererregung (Hyperarousel): Wir sind bereit für Kampf oder Flucht. Ist Kampf und Flucht nicht möglich, folgt Erstarrung, ein „Totstellreflex“. Das Nervensystem befindet sich im Raum der Untererregung (Hypoarousel). Alle drei Reaktionen dienen unserem Überleben bei Gefahr.

Window of Toleranz - Toleranzfenster: Wirkung eines Traumas aufdas Nervensystem

Aktivierung im Nervensystem nach Traumaerleben. Die Ausschläge überschreiten das Toleranzfensters und wechseln oft schnell vom oberen Bereich in den unteren Bereich und umgekehrt.

Emotionen wie Entsetzen, Wut, Verzweiflung, die die Amplitude unseres Nervensystems nach oben in den „Hyperarousel“ schnellen lassen, sind vorübergehender Natur. Unser Körper mit seinem Nervensystem ist so beschaffen, dass er sich in solche Extreme hinein- und wieder herausbegeben kann.[3]  In einem resilienten Nervensystem können sich deshalb die Ausschläge auch nach einem traumatischen Ereignis wieder „normalisieren“, das heißt, ins Toleranzfenster zurückkehren.

Entspannung ist nur innerhalb des eigenen Toleranzfensters möglich

Die „Größe“ des Toleranzfensters ist sehr individuell. So kann dasselbe Ereignis von der einen als emotional gut zu bewältigen und von der anderen als überfordernd empfunden werden.

Ursachen für ein „kleines“ Toleranzfenster können in der frühen Kindheit liegen.[4] Die Fähigkeit zur Selbstregulierung wird zunächst einmal in der Beziehung zur Mutter oder einer nahen Bezugsperson erlernt.  Ein Säugling kann sich noch nicht selbst regulieren und selbst beruhigen.  Wenn auf sein Schreien niemand reagiert, schreit er sich in immer größere Erregung, bis er resigniert, seine wütenden Proteste abstellt und die Erwartung aufgibt, dass sein Bedürfnis gestillt wird. Es verfällt in eine parasympathisch dominierte Erstarrungsreaktion, es „friert ein“.[5] Wenn ein Kind wiederholt solche Situationen erlebt, „lernt“ sein Nervensystem dieses Muster. Erlebt es hingegen, dass es getröstet und in seinen Emotionen reguliert wird, entwickelt es mehr und mehr die Fähigkeit zur Selbstregulation und sein Toleranzfenster wird größer.

Das Toleranzfenster kann sich auch durch wiederholte Erfahrungen von Überwältigung, Gewalt und Ohnmacht oder durch chronischen Stress „verkleinern“. Ein so geprägtes Nervensystem ist nicht mehr adaptiv, es kennt oft nur noch „oben“ und „unten“ – Über- und Untererregung – und befindet sich selten im persönlichen Wohlfühlbereich.

Von daher ist es für betroffene Menschen schwierig, in einen Zustand der Entspannung zu kommen. Denn Entspannung ist nur innerhalb des Toleranzfensters zu finden und kennt Übergänge und Abstufungen.[6] Diejenigen, deren Toleranzfenster eher „klein“ und wenig adaptiv ist, fallen deshalb häufiger übergangslos von einer Übererregung in eine Erschlaffungsphase, die für sie nicht erholsam ist.

Verlust des Selbstgefühls

Manche Menschen mögen keine „Entspannungsübungen“, weil sie vermeiden, zur Ruhe zu kommen und sich zu spüren. Vielleicht haben sie die Erfahrung gemacht, dass „Entspannung“ oder „Ruhe“ eine Tür zu unangenehmen Emotionen öffnete. Andere fürchten das „Loch“ in das sie fallen, wenn sie versuchen, sich zu entspannen.

Manche können sich auch nicht spüren. Häufig sind bei ihnen die Körperempfindungen durch chronisch verspannte Muskulatur weitgehend oder in bestimmten Körperregionen „abgeschaltet“. Um nichts Unangenehmes spüren zu müssen, spüren die Betroffenen lieber Garnichts mehr – wobei das kein willentliches Geschehen ist, sondern ein Prozess, der sich weitgehend im Unbewussten abspielt und auch als „sensomotorische Amnesie“[7] bezeichnet wird. Personen die davon betroffen sind, haben häufig traumatische Erfahrungen gemacht.

Peter Levine schreibt zu der Erfahrung, nichts mehr spüren zu können: „Bei dem Versuch, qualvolle Erinnerungen abzuschalten, geht uns auch die wertvolle Fähigkeit verloren, subtile Veränderungen wahrzunehmen, die uns Wohlbehagen und Zufriedenheit vermitteln oder uns vor eindeutigen Gefahren warnen.“[8] Betroffene haben dabei häufig das Gefühl „nicht mehr sie selbst“ zu sein; „der Verlust der Empfindungen ist gleichbedeutend mit dem Verlust des Selbstgefühls.“[9]

Bessel van der Kolk resümiert in seinem Buch „Verkörperter Schrecken“: „Einer der klarsten Lektionen der heutigen Neurowissenschaften ist, dass unser Selbstempfinden in unserem Körper verwurzelt ist. Wir lernen uns erst dann wirklich kennen, wenn wir unsere Körperempfindungen spüren und deuten können; wir müssen sie wahrnehmen und auf sie eingehen, um sicher durchs Leben gehen zu können.“[10]

Wie können wir mit Eutonie einen Weg zur Entspannung unterstützen?

Für Menschen mit „traumatogen“ strukturierten Nervensystem ist es schwierig, sich in ihren persönlichen Toleranzbereich aufzuhalten oder nach einem Ereignis in ihn zurückzukehren. Aber das Gehirn ist plastisch und gelernte Muster können „umgeschrieben“ werden. Viele neue positive Erfahrungen ermöglichen, dass gelernte und automatisierte Reaktionsmuster verändert werden und sich das Toleranzfenster weitet. Dieser Prozess erfordert viel Geduld und entsprechende co-regulierende und vertrauensbildende Erfahrungen mit Anderen. Eine professionelle psychotherapeutische Unterstützung, die auch den Körper mit einbezieht, ist in diesem Fall meist angeraten und hilfreich. Körperbezogene Methoden wie die Eutonie können den Prozess unterstützen.

Entspannung gelingt nur, wenn wir uns sicher fühlen

Der wichtigste Faktor für Entspannung ist das Gefühl von Sicherheit. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, ob wir „objektiv“ in Sicherheit sind oder das denken, sondern ob unser autonomes Nervensystem sich „subjektiv“ sicher fühlt.

In der Eutonie fragen wir immer wieder danach, wie sich etwas für uns anfühlt, wie wir auf etwas reagieren. Meistens konzentrieren wir uns dabei auf das Körperempfinden und den Körpertonus. Dabei auch auf den Aspekt „Psychotonus“, den Zustand unseres Nervensystems zu achten, kann uns wertvolle Erkenntnisse schenken. So können wir uns immer mal wieder fragen: Wie fühlen sich Sicherheit und Entspannung für mich an? Was brauche ich, damit ich mich sicher fühlen kann?, und auch bewusst zu registrieren: Wann reagiert mein Körper mit Stress und woran genau merke ich das? Und in welchen Momenten fühle ich mich leblos, erschlafft oder erstarrt, und wie „ausgecheckt”?

Wenn wir wissen, was wir brauchen, um uns sicher zu fühlen, können wir leichter Situationen und Umgebungen so gestalten, dass wir uns in ihnen entspannen können. Manche Menschen fühlen sich sicherer in einer Gruppe, andere eher allein oder in einem Zweierkontakt. Manche bevorzugen einen ganz bestimmten Platz im Raum, manche benötigen eine Decke, in die sie sich einwickeln können…

Wie Eutonie-Übungsweisen helfen können, sich sicherer zu fühlen

Um Sicherheit zu gewinnen, ist das Eutonie-Übungsprinzip „Berührung“ besonders wichtig. Durch Berührung mit dem Boden, Material oder der eigenen Hand wird die Körperbegrenzung als „Schutzraum“ bewusst. Vor allem ein festerer, d.h. angenehm empfundener deutlicher Druck kann helfen, sich überhaupt erst einmal (wieder) selbst zu spüren.  In einer Eutonie-Behandlung im Einzelsetting kann eine haltende, achtsame Berührung – oder auch nur ein präsentes Da- und an der Seite-Sein – Sicherheit vermitteln.

Durch ganz konkrete „Forschungs-Aufgaben“ wird in der Eutonie die Aufmerksamkeit auf das im Hier und Jetzt Erfahrbare gelenkt: Was spüre ich, wenn ich mit dem Bambusstab meinen Arm beklopfe? Wie komme ich vom Liegen ins Sitzen? Wie fühlt es sich an, wenn ich mich mit meinem ganzen Gewicht auf ein Material ablege? Das Ziel der Eutonie ist nicht primär Entspannung, auch wenn die Übungen oft entspannend wirken. Gerade für Menschen, die Schwierigkeiten mit „Entspannungstechniken“ haben, kann die Eutonie eine Hilfe sein, weil sie sich nicht „entspannen müssen“ und sehr frei sind in dem, auf was sie sich einlassen möchten und auf was nicht. Durch das Spiel mit verschiedenen „Forschungs-Aufgaben“ und den damit verbundenen Tonuslagen können Übergänge und Abstufungen von Entspannung und Anspannung geübt werden.

Peter Levine beschreibt in seinem Buch „Sprache ohne Worte“ eine Übung, die er „nach innen wandern“ nennt, andere Methoden sprechen von „Bodyscan“. In der Beschreibung ähneln sie dem was Gerda Alexander „Inventur“ oder „Heimatkunde“ nannte: In einer Haltung der Selbstakzeptanz wie auf einer Reise die Aufmerksamkeit durch alle Körperbereiche wandern  lassen und alle Empfindungen, die sich dabei einstellen, wahrnehmen.[11] Für ihn ist diese Form des Gewahrseins eine wichtige Voraussetzung, einerseits, um Empfindungen von inneren Bildern, Emotionen und Gedanken zu unterscheiden und anderseits auch als Voraussetzung „für die Veränderung funktionaler und emotionaler Zustände.“[12]

Durch die Konzentration auf eine konkrete Berührungserfahrung, eine Innenwahrnehmung (Interozeption) oder auf eine Bewegung treten belastende Gedanken in den Hintergrund. Durch die Erfahrung der Tragkraft des Bodens, der Halt und Widerstand bietet, durch die Erfahrung der Körpergrenze, der Festigkeit von Knochen, durch das Erleben von „Transport“ bekommt der Körper Informationen darüber, dass er vertrauen darf, dass er – in sich selbst – Sicherheit finden kann.

Dadurch, dass in der Anleitung immer wieder auf das Gewahrsein im „Hier und Jetzt“ verwiesen wird, wird der oder die Übende unterstützt, mit der Aufmerksamkeit in der Gegenwart und beim Konkreten zu bleiben, Kontakt mit der Umgebung aufzunehmen, sich sozial einzulassen und damit neue Erfahrungen zu machen. Die Erfahrung, dass die Eutonie-Übende selbst etwas tun kann, um sich zu regulieren, stärkt ihre „Selbstwirksamkeitserwartung“[13], was wiederum zu ihrem Sicherheitsempfinden beiträgt.

Warum wir durch Fragen – und die Offenheit für alle Antworten darauf – Sicherheit gewinnen können

Die Art der Fragestellungen in der Eutonie hilft, die Empfindungen zu sortieren und benennen zu können. Die bloße Frage: „Was fühlst du?“, kann oft verwirren und sprachlos machen. Im Vergleich aber – wie beispielsweise die Aufgabe, den Unterschied zwischen dem gerade berührten Bein und dem anderen zu spüren – wird leichter deutlich: da fühlt sich etwas schwerer an, länger, fester, wärmer, da ist ein Kribbeln zu fühlen oder ein Fließen…

Durch diese Art des Fragens wird die persönliche Wahrnehmungsfähigkeit und damit die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung, zur Reflexion und Selbstaussage geschult: das persönlich Erlebte kann in Worte gefasst und anderen mitgeteilt werden. Unabdingbar dafür ist die „Erlaubnis“, die die Sicherheit vermittelt: dass alles da sein darf, was sich zeigt, dass es keine „richtigen“ oder „falschen“ Empfindungen gibt. Diese „Erlaubnis“ hilft, die eigenen Empfindungen und Gefühle anzunehmen – eine Grundvoraussetzung für alle Veränderungsprozesse.

Die Rolle der Anleitenden

Eine wichtige Rolle spielen für das „Gefühl von Sicherheit“ auch diejenigen, die Eutonie anleiten oder im Einzelsetting andere berühren. Als Eutonie-Pädagog:innen müssen wir uns bewusst sein, wie sehr unser eigene Haltung, unser eigener Tonus, unsere Mimik und unsere Stimme dazu beitragen können, dass die Übende sich sicher fühlt.[14]

Über unsere Mimik, Stimme und Berührung wirken wir auf das „soziale Nervensystem“[15] von Anderen ein und können dazu beitragen, dass es sich reguliert. So haben wir vermutlich alle schon die Erfahrung gemacht, dass eine ruhige, beruhigende Stimme, ein freundliches, zugewandtes Gesicht oder das Anbieten einer Hand zum „Festhalten“, eine Berührung am Oberarm etc. eine durch Angst ausgelöste hohe Erregung beruhigen kann.  Dami Charf spricht hier von „Co-Regulation“, die an das anknüpft, was uns als Säuglinge das Überleben gesichert hat: Da ein Säugling sich am Beginn des Lebens noch nicht selbst regulieren kann, ist er angewiesen auf seine Bezugspersonen, die das für ihn tun: ihn beruhigen, Nähe und Nahrung geben.

Es kann aber auch geschehen, dass sich die Über-Erregung des/der Einen auf Andere überträgt und diese damit „angesteckt“ werden. Deshalb ist eine ausreichende Fähigkeit zur Selbstregulation wichtig, nicht nur, aber besonders dann, wenn wir professionell mit Menschen arbeiten möchten.

Besonders in der Einzelbegleitung gilt es mit wacher Aufmerksamkeit, mit Empathie und Tonusadaption auszuloten, wieviel Nähe oder Distanz es braucht, welche Art von Berührung als angenehm empfunden wird und welches Setting (Sitzordnung, Raum, Material, Absprachen etc.) es insgesamt braucht, um so etwas wie eine „haltende Umgebung“ entstehen zu lassen, in der die oder der Übende ausreichend viel Sicherheit findet und sich auf neue Erfahrungen einlassen kann.

Vor allem aber geht es darum, sich als Eutonie-Pädagog:in immer wieder selbst zu befragen: In welchem Spannungszustand befinde ich mich selbst? Fühle ich mich sicher und „bei mir“? Und wenn nicht, was kann ich ändern? Empfinde ich gerade meine eigene Anspannung, oder nehme ich den Tonus des Übenden, meines Gegenübers wahr? Was passiert auf der Ebene von Tonusadaption und Tonusübertragung, von Übertragung und Gegenübertragung zwischen uns beiden?

Die eigene Selbstregulation zu schulen und eine Bewusstheit für die beschriebenen Phänomene zu entwickeln, gehört zu den immerwährenden Anforderungen und zum Lernprozess, den sich jede:r, die oder der Eutonie anleiten oder mit den Händen Eutonie-pädagogisch begleiten möchte, zeitlebens und in jeder konkreten Situation unterziehen muss.

Fazit

Mit den Mitteln und Übungsweisen der Eutonie haben wir viele Werkzeuge in der Hand, um den Kursteilnehmer:innen oder Klient:innen einen Weg zur Entspannung und Selbstregulation aufzuzeigen und sie dabei zu begleiten. Dabei kann die Beschäftigung mit körperbezogenen Methoden der Traumatherapie[16] , sowie den dahinter liegenden Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen, uns als Eutonie-Praktizierende wichtige Hinweise und Erklärungen für beobachtete Phänomene bei uns selbst oder unseren Kurs-Teilnehmer:innen geben. Aus diesem Grund spielt die Beschäftigung mit dem Phänomen „Trauma“ auch zunehmend eine Rolle in der Ausbildung von Eutonie-Pädagog:innen. Es ist jedoch immer zu beachten, dass es in der Eutonie nicht um Trauma-Behandlung oder Therapie geht. Diese ist den dafür ausgebildeten Trauma- und Psycho-Therapeut:innen vorbehalten.

 

Martina Kreß
Erstveröffentlichung in den DEGGA-Mitteilungen Nr. 68, Mai 2022 – Eutonie-nachhaltig Potentiale entfalten

[1] Z.B. Dorothee Stieber-Schöll (2021): Traumafolgen überwinden. In Eutonie – vom Körper lernen. Erfahrungen und Reflexionen aus der Praxis. Hogrefe, Bern 2021.

[2] YouTube Video von Dami Charf (2016) in „Warum Entspannung für traumatisierte Menschen oft schwer ist“ vom 26.11.2016. Siehe auch: www.traumaheilung.de

[3] Siehe dazu Levine, Peter A.  (2011): Sprache ohne Worte, Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. Kösel, München 2011. S. 177.

[4] „Man geht heute davon aus, dass affektive Dysregulation zentral für eine Anfälligkeit für Stress und Traumatisierung und ein grundlegendes Element bei der Entstehung seelischer und körperlicher Probleme ist.“  Laurence Heller, Aline LaPierre (2013): Entwicklungstrauma heilen. Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM, S.17

[5] Heller, LaPierre (2013): Entwicklungstrauma heilen. S. 24

[6] Dami Charf (2016) in YouTube Video „Warum Entspannung für traumatisierte Menschen oft schwer ist“

[7] Siehe zum Begriff „sensomotorische Amnesie“: Hanna, T. (2018). Beweglichsein – ein Leben lang. München: Kösel.

[8] Siehe dazu Levine (2011) S. 175.

[9] Levine (2011) S. 176

[10] Bessel van der Kolk (2016): Verkörperter Schrecken, Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Probst Verlag, Lichtenau/Westf. 2016. S.323

[11] Levine (2011) S. 355f

[12] Levine (2011) S. 406: „Denken Sie daran, dass der mediale präfrontale Kortex (der einen Großteil seines Inputs vom Körper empfängt) die einzige Region des Neokortex ist, die das limbische System und damit die Emotionalität verändern kann.“

[13] Dieser Begriff wurde von Albert Bandura geprägt und bezeichnet nach spektrum.de: „das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit auch unter extremen Belastungen“, aufgerufen am 22.2.2022.

[14] Siehe dazu Levine (2011) S. 104f

[15] Begriff aus der Polyvagalen Therorie nach Steven Porges: ventraler Teil des sympathischen Nervensystems. Siehe dazu: https://www.traumafokus.com/files/pdf/Polyvagaltheorie_Porges.pdf

[16] Das sind z.B. Somatic Experiencing (Peter Levine), Somatisch Emotionaler Integration SEI®, bindungs- und körperorientierter Psychotherapie (Dami Charf), traumasensibles Yoga (untersucht z.B. von Bessel van der Kolk)

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