Salutogenese: “Schatzsuche statt Fehlerfahndung”

Salutogenese - ein neues Verständnis von Gesundheit

 

Solange wir uns gesund fühlen, machen wir uns über Gesundheit meist wenig Gedanken. Wir nehmen sie als mehr oder weniger selbstverständlich hin. Wir funktionieren. Mit zunehmendem Alter wird das Thema Krankheit häufig wichtiger. Oder immer dann, wenn unser Körper nicht mehr so funktioniert, wie wir es uns wünschen. Wie oft ist dann "Krankheit" das Thema in Gesprächen - nicht nur im Wartezimmer. Dabei richten wir unsere Aufmerksamkeit eher auf die "Fehler", auf das, was nicht "funktioniert". Oder wir suchen nach dem, was uns krank macht. Seltener fragen wir: was bewirkt eigentlich, dass wir gesund sind oder gesund werden?

Gesundheit ist mehr

Gesundheit ist mehr, als dass wir uns gesund ernähren und für ausreichend Bewegung sorgen. So wichtig das ist. Gesundheit hat auch mit einer gesunden Lebenshaltung zu tun. Oft ist uns gar nicht bewusst, in welch enger Verbindung Gesundheit mit Selbstbestimmung, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserwartung steht.

Selbstwirksamkeitserwartung heißt: Wir haben in unserem Leben erfahren, dass wir selbst etwas bewirken können. Unsere Lebenserfahrung lässt uns darauf vertrauen, dass wir uns in verschiedenen Lebenslagen zu helfen wissen. Dass wir aktiv sein und etwas gestalten können. Menschen, die dieses Vertrauen aufgrund ihrer Lebensgeschichte kaum entwickeln konnten, geht es deshalb gesundheitlich tendenziell schlechter.

In einem umfassenden Sinn bedeutet Gesund-sein deshalb: über Fähigkeiten und Ressourcen zu verfügen, das eigene Leben gut zu gestalten. Dazu gehört auch, dass wir uns in unserem sozialen Umfeld wohl fühlen. Dass wir unsere Werte und menschlichen Bedürfnisse leben und authentisch sein können. Es geht also nicht nur um biologisch-materielle Faktoren, sondern auch um psychologische, emotionale, soziale und Umwelt-Faktoren, die Gesundheit beeinflussen. Solch ein umfassender Gesundheitsbegriff geht auf die Ottawa Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1986 zurück.

Schatzsuche statt Fehlerfahndung - ein Perspektivwechsel

Der Ansatz der “Salutogenese” (salus: Gesundheit; Genese: Entstehung) leitet seit einigen Jahren einen Perspektivwechsel im Sinne dieses Gesundheitsbegriffes ein. Statt nur nach der Entstehung bzw. der Verhütung von Krankheit zu fragen, forscht sie danach, was Menschen gesund hält. Salutogenetische Ansätze finden zaghaft immer mehr Raum in Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereichen.

Es geht darum, einen Lebensstil zu fördern, der Gesundheit entstehen lässt. Gesundheit in allen Dimensionen der menschlichen Existenz. Dazu gehören Umweltbedingungen, soziale Teilhabe, Existenzsicherung genauso wie ein positives Verhältnis zum eigenen Körper, Authentizität, persönliches Wachstum, das kreative Entfalten der eigenen Möglichkeiten, Sinnhaftigkeit...

Zurück geht dieser Ansatz auf den Medizinsoziologen und Gesundheitsforscher Aaron Antonovsky (1923-1994), der sich in den 1960er Jahren mit den Auswirkungen von Stress auf die Gesundheit befasste.

Sein Forschungsinteresse wurde geweckt von den Fragen: "Wie können Menschen trotz extremer Belastung gesund bleiben oder gesund werden?" und Warum kommen Menschen mit großen Belastungen gut zurecht, andere nicht?"

Antonovsky betrachtet Gesundheit und Krankheit als zwei Pole eines fließenden Kontinuums. Jeder Mensch bewegt sich im Laufe seines Lebens zwischen diesen Polen.

Krankheit ---------------------<-Mensch->------------------- Gesundheit

Sein salutogenetische Ansatz fragt deshalb nach den Faktoren, die zu einer Bewegung in Richtung auf den gesunden Pol beitragen.

Er sucht nach den Quellen, die eine aktive Anpassung des Organismus an seine Umgebung erleichtern. Dabei richtet er seine Aufmerksamkeit auf den ganzen Menschen (nicht nur den „Patienten“) mit seiner Lebensgeschichte und in seinem soziokulturellen Umfeld.

Was uns gesund hält

Antonovskys fand heraus, dass die Grundeinstellung des Menschen zu sich selbst und die Welt ein entscheidender Faktor für die Bewältigung schwieriger Lebenssituationen ist - und damit auch für den Erhalt der Gesundheit.

Er prägte dafür den Begriff  "Sense of Coherence"  (SOC). Wir übersetzen das im Deutschen als "Kohärenzgefühl". Seine Hypothese lautet: Die Stärke des Kohärenzgefühls hat direkte körperliche Konsequenzen und beeinflusst dadurch den Gesundheitsstatus.

Was ist dieses "Kohärenzgefühl"? Es ist eine Wahrnehmung  von Schlüssigkeit, von Stimmigkeit. Es entsteht in der Schnittmenge von drei wichtigen Inhalten: 1. Verstehbarkeit + 2. Handhabbarkeit + 3. Bedeutsamkeit.

(Ich finde das Modell der Salutogenese gut erklärt im Youtube-Video von Heiko Reineke auf Welle7. Der Link dazu befindet sich im Anhang.)

 

Eutonie fördert Gesundheit durch Spannungsregulierung

Eine der Methoden, die ihren Schwerpunkt im Bereich der Salutogenese haben, ist die Körperpädagogik „Eutonie Gerda Alexander®“.  Das von Gerda Alexander geprägte Wort Eutonie setzt sich aus den griechischen Wörtern eu = gut, wohl, angemessen und tonus = Spannung, Stimmung zusammen. Der Tonus bezieht sich dabei sowohl auf den Spannungszustand des Körpers, als auch die seelische und mentale Spannung.

Nach Antonovsky erzeugen allgegenwärtige Reize aus der inneren und äußeren Umgebung, so genannte Stressoren, Spannungen, die verarbeitet werden müssen. Der salutogenetische Ansatz fragt nach den Möglichkeiten der Spannungsverarbeitung: Wie kann man Spannung abbauen und ihre Umwandlung in dauerhaften Stress verhindern?

An diesem Punkt setzt die Eutonie mit ihrem Ziel der Tonusflexibilität an. Eine gesunde Tonusflexibilität zeigt sich in der Fähigkeit des Menschen, seinen Tonus angemessen und bewusst auf die Erfordernisse einzustellen. Wir  finden den "Eu-tonus", die "gute Spannung" in der richtigen Balance von Anspannung und Entspannung. Da sich die Gegebenheiten ständig verändern, ist ein flexibler Tonus nötig, der sich auf diese Veränderungen einstellen kann.

Um es mit  praktischen Beispielen anschaulich zu machen: ein rohes Ei heben wir mit einem anderen Tonus an, als eine Kiste mit Getränken. Zum Einschlafen brauchen wir einen anderen Tonus, als fürs Treppe-Steigen. Wenn wir uns erschöpft oder deprimiert fühlen, hat unser Körper eine andere Spannung, als wenn wir freudig oder aufgeregt sind.

 

Eutonie als Prozess der Wahrnehmung, des Lernens und Wachsens

Der Weg Richtung Salutogenese führt auf dem Krankheit- Gesundheit- Kontinuum über drei Schritte: 1. Bewusst werden --- 2. Lernen --- 3. Wachsen, sich weiterentwickeln >  Gesundheit

Der salutogenetische Weg erfordert unser aktives Verhalten und nicht nur ein Reagieren auf Symptome. Dieses aktive Verhalten fördert die Eutonie Gerda Alexander®. Ihr Ansatz ist nicht die Behandlung von Krankheiten. Stattdessen regt sie somatopsychische Lernprozesse an. Sie weckt Zutrauen zum eigenen Körper und seinen Selbstregulierungskräften.  Den Eutonie-Praktizierenden werden Kompetenzen vermittelt, die ihnen helfen, sich mehr in Richtung Gesundheit zu bewegen.

Um das Ziel einer gesunden Tonusflexibilität zu erreichen, weckt die Eutonie das Körperbewusstsein. Durch bewusste Wahrnehmung (1.) nehmen Eutonie-Praktizierende direkten Einfluss auf ihre Körperprozesse.  In Eutoniestunden wird die Aufmerksamkeit für den Körper geschult. Damit einher geht die Achtsamkeit für die umgebende Welt (z.B. Raum, Material, andere Menschen) und deren Einfluss auf den eigenen Tonus. Mit der Eutonie lernen wir (2.) mit Spannungen umzugehen, sie zu regulieren und der Situation anzupassen.

Die Erfahrung zeigt, dass der körperliche Ansatz der Eutonie sich auch auf emotionale und mentale Vorgänge auswirkt. Die verbesserte Körperwahrnehmung führt zu einer positiven Einstellung zum eigenen Körper und zu mehr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserwartung.  Die Persönlichkeit entwickelt sich (3.). Mit ihrem alle drei Schritte umfassenden Konzept, leistet Eutonie Gerda Alexander® so einen wichtigen Beitrag, Menschen mehr körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu ermöglichen.

 

Mit Eutonie zum größeren Kohärenzgefühl

Renate Riese, die die Eutonie-Akademie Bremen leitet, stellt in einem Beitrag auf www.eutonie-bremen.de den Zusammenhang zwischen der Eutonie und den drei Inhalten des SOC / Kohärenzgefühl her:

1. Verstehbarkeit

Die Erforschung von Körperstrukturen und -Funktionen am eigenen Leibe macht Zusammenhänge begreifbar. Der Organismus kann als ein strukturiertes, sinnvolles Ganzes in Bezug zur Außenwelt erfahren werden. Er verarbeitet interne und externe Erfahrungen und schafft sich so seine eigene geordnete Realität. Eutonie wirkt stabilisierend und ordnend, z.B. in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Skelett, mit dem Boden, mit Gewicht und Schwerkraft.

2. Handhabbarkeit

Eutonie weckt die Empfindungsfähigkeit und damit das Bewusstsein für Spannungsunterschiede. Eutonie-Praktizierende erfahren sich als selbstwirksam. Sie bekommen Mittel aufgezeigt, wie sie Spannungen ausgleichen und anhaltenden Stress verhindern bzw. abbauen können. So wächst das Vertrauen in die Fähigkeit, den Anforderungen des Lebens zu begegnen und Aufgaben zu bewältigen.

3. Bedeutsamkeit

Mit ihrem körperlichen Ansatz öffnet Eutonie die Tür zu den eigenen Gefühlen. Eutonie-Praktizierende finden (wieder) Zugang zu sich selbst. Sie erleben sich mit ihren Stärken und Schwächen im sozialen Raum. Sie erproben neue Möglichkeiten des Umgangs mit sich und anderen. Ein Gefühl der Verbundenheit mit allem kann sich einstellen und mit ihm die Fähigkeit, den Sinn des Daseins und den Zusammenhang mit der Welt wieder zu finden.

 

Literaturhinweis und Quellen:

Alexander, Gerda: Eutonie – Ein Weg der körperlichen Selbsterfahrung, Hrsg. und aktuelle Beiträge: Karin Schaefer, Bern: Huber 2011, 10. Auflage ISBN 9783456850146

Bischof, Dr. Marco: Salutogenese - das neue Verständnis von Gesundheit, Youtube abgerufen am 8.12.16

Reineke, Heiko: Salutogenese einfach erklärt: Youtube-Video auf Welle7, abgerufen am 6.9.2017

Riese, Renate: SALUTOGENESE und EUTONIE auf www.eutonie.de

Schaefer, Karin: Handwerksbuch 1 für Lernende und Lehrende

 

©Martina Kreß, www.eutonie-kress.de

 

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