Zur Erinnerung an meine Lehrerin Rosa Spekman

Gedenken an Schwester Rosa Spekman  

Vermutlich kennen einige der älteren DEGGA Mitglieder Rosa Spekman aus dem Sommerkurs in Fischerhude oder aus Kursen, die Sr. Rosa in Deutschland und den Niederlanden gab. Für mich war sie meine erste Eutonie-Lehrerin; sie hat mich in den 80. Jahren mit dem „Eutonie-Virus“ infiziert und ich bin sehr dankbar, dass ich sie kennenlernen und von ihr lernen durfte.

 Am 18. November 2025 ist Sr. Rosa 100jährig im Bosbeek-Pflegezentrums in Heemstede verstorben.

Geboren wurde sie am 7.9.1925 in Amsterdam als Engelbertha Maria Spekman. Sie war das sechste von zehn Kindern. Schon in der Kinderzeit hatte sie eine besondere Beziehung zur Musik. Sie liebte die polyphonen Gesänge, die sie während des sonntäglichen Gottesdienstes hörte und erhielt schon früh Klavierunterricht. Bertha, wie sie in der Familie genannt wurde, wuchs in einer turbulenten Zeit auf. Während des Zweiten Weltkriegs befanden sich die Niederlande in der Zeit vom 15. Mai 1940 bis zum 5. Mai 1945 unter deutscher Besatzung. Und die Deutschen setzten den Hunger als Waffe gegen die Bevölkerung ein. “Ja, wir haben den Hungerwinter (44/45) überlebt”, erinnerte sich Sr. Rosa noch im hohen Alter. “Das war das Schwierigste.  Dass du hungrig bist und deine Mutter sagt, sie könne dir nichts geben. Denn eine Mutter will ihrem Kind immer etwas geben.”

Nach der Schule begann sie ein Lehramtsstudium, das sie nach zwei Jahren kriegsbedingt abbrechen musste. Daraufhin wechselte sie in die Lehrerausbildung bei den Schwestern von „De Voorzienigheid“ (Schwestern von der Vorsehung) in Amsterdam. 1946 trat sie in diesen Orden ein, 1947 erhielt sie den Schwesternnamen „Rosa“, unter den sie die meisten von uns kennen.

Musik und Gesang prägten Sr. Rosas ganzes Leben. Sie besuchte das Amsterdamer Konservatorium und wurde Musiklehrerin in Steenwijkerwold. Durch die Gründung eines Chors in Steenwikerwold erlangte Sr. Rosa in der ganzen Region Bekanntheit, beim Chorfestival der AVRO bekam ihr Chor den ersten Preis. Auf YouTube findet sich dazu ein Interview mit Rosa: https://devoorzienigheidsteenwijkerwold.nl/uncategorized/videoreportage-zuster-rosa-spekman/  https://www.youtube.com/watch?v=vxqFfer2ld4  Rosas Worte waren oft: „Was für ein schönes Leben ich doch habe, dank der Musik“. Doch leider ertaubte sie immer mehr, so dass sie neue Wege suchen und beschreiten musste.

Sie ging nach Kopenhagen, um sich bei Gerda Alexander als Eutonie-Pädagogin und -Therapeutin ausbilden zu lassen und ihren beruflichen Schwerpunkt von der Musik hin zur Eutonie zu verlegen. Davon profitierte auch ihre Familie, zu der sie eine enge Verbindung hatte. Ihr Neffe schrieb in seinem Nachruf dazu: „Ich sehe dich noch vor mir, wie du meine Mutter besuchtest, ihr Tipps zur richtigen Haltung gabst und ihr ein rechteckiges Kissen zum Anlehnen reichtest. Allein deine Zuwendung linderte ihre Beschwerden.“ Das „rechteckige Schaumstoffkissen“ kennen wohl alle, die mal einen Kurs von ihr besucht haben und ihre besondere Art der präsenten Zuwendung auch.

In Amsterdam unterrichtete sie im Eutonie-Zentrum in der Konijnenstraat und im Kinkerbuurt. Später lebte sie eine Zeitlang in Maastricht und zog 1989 nach Ulft, wo sich ein Kloster ihrer Kongregation befand. Sie schrieb zu ihrem Umzug: „Leben ist fließende Bewegung und an diesen Strom will ich mich vertrauensvoll hingeben.“

Immer wieder reiste sie für Eutoniekurse durch die Niederlande und durch Deutschland. Neben Kursen in Amsterdam, Maastricht, Nyswiller (Temenos), Bloemendahl, Huissen, Kloster Aspel bei Rees war sie regelmäßig in u.a. in Bremen, Hamburg, Ostbevern bei Münster, Duisburg-Hamborn, Wuppertal, Köln, Horrem bei Kerpen, im Palottihaus in Olpe, in Aachen, Marienthal und Hildesheim.

Aus ihrem Flyer mit Kursausschreibungen von 1989 (mit DeepL übersetzt) beschreibt sie ihr Angebot so:

„In der Eutoniepädagogik, die von Gerda Alexander entwickelt wurde, lernt der Mensch, ein ausgewogenes Spannungsgleichgewicht zu erreichen, was auch das Wort Eutonie (eu = gut, harmonisch und tonos = Spannkraft) ausdrückt. Es gibt drei Spannungsbereiche, auf die eutonische Übungen wirken und die in der eutonischen Bewegung vereint werden. Diese sind:

  1. Der Tonus (die Grundspannung unserer Muskulatur). Wenn ein flexibler, ausgeglichener Tonus erreicht wird, kann der Aufrichtreflex ohne hemmende Muskelverspannungen den Menschen in die richtige Haltung und Bewegung bringen.
  2. Wird ein vegetativ-emotionales Gleichgewicht erreicht, findet sich dies in einer ruhigen, angepassten Atmung und einer ungestörten Durchblutung wieder.
  3. Das sensomotorische Nervensystem wird durch die Entwicklung und Intensivierung der Sinne, insbesondere des Tastsinns, ins Gleichgewicht gebracht. Dies führt zu einem präzisen, ausgewogenen Einsatz unserer Motorik. Das Ideal ist ein Maximum an Wirkung bei einem Minimum an zielgerichteter Kraft.

In diesen Lektionen geht es darum, sich selbst in und durch den Körper wahrzunehmen; wie erlebe ich meinen Körper und wie drücke ich mich darin aus. Die eigene Erfahrung steht hier im Vordergrund.“

Ich durfte Anfang der 90ger Jahre zweimal mit ihr zusammen einen Kurs geben, indem ich in das intuitive und meditative Mandala-Malen einführte und Sr. Rosa das Malen mit Eutonie vorbereitete und begleitete.

Dabei lernte ich Sr. Rosa auch von ihrer spirituellen Seite kennen, die sie nie nach außen kehrte oder aufdrängte, die aber deutlich spürbar war. Tägliche Meditation war für sie selbstverständlich, so wie ihre lebenslange Suche nach einer Spiritualität des Lebens, die sie auch immer wieder hinterfragte. Vielleicht geben die Worte von Karlfried Graf Dürkheim einen Eindruck von der Spiritualität, die Rosa ausstrahlte: „Der Ton des Seins erklingt ohne Unterlass. Die Frage ist, ob wir als Instrument so gestimmt sind, dass er in uns widertönt und wir ihn hören.“

Rosa unterstützte in Belgien die von Thérése Windels gegründete flämische Eutonieschule, die als erste Schule eine berufsbegleitende Ausbildung in Lier anbot. Gemeinsam mit Karin Fietzek absolvierte ich in der ersten Ausbildungsgruppe meine Pädagogik-Ausbildung und erlebte Rosa dort als Dozentin, gemeinsam mit Jenny Windels nahm sie unsere Abschlussprüfungen ab.

Mit ihrer Art Eutonie anzuleiten, hat mich Rosa sehr geprägt. Ich erinnere mich an die Fülle von Materialien, die nutzte – ihr Auto war immer bis zum letzten Winkel mit Materialien ausgefüllt. Und sie fand immer neue – wie die hölzernen Vorhangringe, in die wir die Sitzbeinknochen platzieren sollten, die schon erwähnten Schaumstoffkissen oder auch „Kratzhände“, die sie im Asiamarkt fand. Unvergessen ist auch das riesige, sehr alte Männerbecken, an dem sie uns in die Anatomie des Beckens einführte. Überhaupt, das eutonische Erforschen des Beckens, des unteren Kreuzes, als Mitte des ganzen Körpers war für sie immer ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Anleitungen.
Erinnern kann ich mich auch, dass wir während ihrer Eutoniestunden viel gelacht haben. Das war zum Teil ihrer (für uns lustigen) niederländisch-deutschen Sprache geschuldet, mancher Übung, in der wir im Vierfüßlerstand mit unserem „Schwanz“ (Steißbein) wedeln sollten, aber auch ihrem ganz eigenen, feinen Humor.

Rosa war ein Mensch, die Freundschaften und Verbindungen pflegte. Auch zu Gerda Alexander hielt sie Kontakt und besuchte sie regelmäßig in Wuppertal, als diese schon pflegebedürftig im Haus ihres Bruders wohnte. Einmal nahm sie mich mit und diesen besonderen Besuch werde ich nie vergessen.

Leider ist meine Verbindung zu Rosa abgerissen, als sie ihre letzten Jahre im Bosbeek-Pflegezentrums in Heemstede verbrachte. Aber ich weiß von anderen Kolleginnen und einer Freundin aus Deutschland, dass sie es immer sehr genoss, wenn sie Besuch bekam und über Eutonie sprechen konnte (siehe auch Erinnerung einer Begegnung von Hanneke Hoos). Trotz ihrer Taubheit und dem nachlassenden Gedächtnis war sie wohl ein zufriedener und dankbarer Mensch, die trotz aller Einschränkungen Freude am Leben hatte. Am 7. September 2025 feierte Sr. Rosa im Kreis ihrer Familie und ihrer Mitschwestern ihren 100. Geburtstag. Auch der Bürgermeister kam und es wurde ihr zu Ehren ein Baum gepflanzt.

Sehr berührt haben mich die Worte, mit denen ihr Neffe in einem Brief seine letzte Begegnung mit Rosa schilderte:

„Danke, dass du so warst, wie du warst. Danke für die Verbundenheit, für die Aufmerksamkeit. (…) Als du das letzte Mal im kleinen Wohnzimmer am Tisch saßest, hattest du keinen Appetit, nur ein Stück Obst. Du sprachst von Gnade; sie ist ein bedingungsloses Geschenk; man kann sie weder kaufen noch erzwingen. Tiefgründige Worte. Später gingen wir durch den Garten, an deinem Baum vorbei. Du sagtest: „Wunderbar, dieser Sauerstoff!“ Trotz aller Einschränkungen und Schmerzen hast du das Leben genossen.“

Quellen:

Übersetzung des  Totenzettels von Rosa Spekmann, die von den Zusters van „De Voorzienigheit“ und ihre Familie herausgegeben wurden

Übersetzung eines Briefes ihres ältesten Neffens an die Familie nach Rosas 100. Geburtstag

Artikel: Bürgermeister besucht die 100-jährige Sr. Rosa Spekman, Von Redactie De Heemsteder | 24. September 2025 | Veröffentlicht in Heemstede und Umgebung https://www.oozo.nl/nieuws/heemstede/6066792/burgemeester-op-visite-bij-100-jarige-zr-rosa-spekman

Kursausschreibungen, Flyer und Briefe von Rosa Spekman

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